In der Altstadt von Tarent – oder Taranto, wie die Italienerinnen und Italiener sagen – ist in den 1960ern die Zeit stehen geblieben. Und nie wieder weitergelaufen. Sie steht und steht und steht. Seit Jahrzehnten wird hier nichts mehr instand gehalten.
📑 Inhaltsverzeichnis▼
- 1.Lost Place in Süditalien
- 2.Die Altstadt von Tarent ist auf einem Felsen erbaut
- 3.Wie die Stahlproduktion Tarent veränderte
- 4.Diese italienischen Orte am Meer verkaufen Häuser für 1 Euro
- 5.8 Orte, die Apulien zu einer der schönsten Regionen Italiens machen
- 6.Lost Places: Diese Städte in Deutschland sind verlassene Geisterdörfer
- 7.Zaghafte Versuche zur Wiederbelebung von Tarent
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Wunderschöne Häuser? Fehlanzeige. Nicht mehr. Die einst so prächtigen mittelalterlichen Kirchen, gotischen Klöster und barocken Paläste der Stadt im Süden Italiens sind sich selbst überlassen. Seit Jahren. Seit Jahrzehnten.
Lost Place in Süditalien
Wer die einst so prächtige Altstadt von Tarent ansteuert, sollte sich auf ein ordentliches Lost-Place-Feeling einstellen. Wo früher rund 30.000 Menschen lebten, sollen es heute nur noch ein paar Hundert sein. An einem trüben Nachmittag im April lassen sich in den engen Gassen selbst die nicht blicken. Wenn einem überhaupt jemand über den Weg läuft, dann sind es ein paar wenige neugierige Touristinnen und Touristen.
Zwischen den Ruinen kann es sich schon mal richtig gruselig anfühlen. Türen sind vernagelt, Torbögen zugemauert, Fensterscheiben eingeschlagen, auf den Balkonen wachsen Pflanzen. Nicht aus Töpfen, sondern aus den Böden.
Viele Gebäude sind mit dicken Stahlträgern fixiert, damit ihre brüchigen Mauern nicht umstürzen. Egal, wie klein oder groß das Gebäude ist, wie majestätisch es einst ausgesehen haben muss: Vor dem Verfall ist in Tarents Altstadt nichts sicher. Nur ein paar Kirchen scheinen noch intakt zu sein.
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Die kargen Steinmauern sind mit Graffiti übersät. „Stop killing us“ ist eine der Aufschriften. Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Was ist hier los? Wie konnte eine einst so prächtige Stadt derart verkommen?
Die Altstadt von Tarent ist auf einem Felsen erbaut
Schon ihre Lage macht sie einzigartig: Die Altstadt von Tarent ist auf einem Felsen erbaut. Sie ist einen Kilometer lang und 300 Meter breit. Wie eine Insel steht sie beinahe autark im Wasser – wäre sie nicht mit dem Rest der Stadt durch zwei Brücken verbunden.
Die eine Brücke, jene im Süden, verbindet die Altstadtinsel mit dem modernen, dem „hübschen“ Teil der Stadt. Hier, auf dem Festland, gibt es Palmen, elegante Fassaden, eine schmucke Einkaufsstraße.
Überquert man die Brücke hinüber auf die Altstadtinsel, ist auch noch alles einigermaßen intakt. Eine große Burg, ein aktives Universitätsgebäude, ein paar kleine Cafés.
Doch mit jedem Schritt, den man sich vom Festland entfernt, wird es ruhiger. Schmutziger. Finsterer. Hier wird die Altstadt Tarents zur Geisterstadt. Ewig schade, denn bis in die 1970er war Tarent ein wunderschönes und florierendes Juwel am Ionischen Meer. Die Bevölkerung war wohlhabend.
Was liegt am anderen Ende der Stadt? Die Brücke, die im Norden auf die andere Seite des Festlands führt, möchte man lieber nicht überqueren. Denn auf dieser Seite eröffnet sich der Grund, warum die Menschen die Stadt verlassen haben: das größte Stahlwerk Europas.
Wie die Stahlproduktion Tarent veränderte
In den 1960ern wurde hier unter dem Namen Ilva die Stahlproduktion gestartet. Viele Arbeiter wurden von der Altstadt auf jenen Teil des Festlands umgesiedelt, auf dem die Fabrik stand. Was damals als große Hoffnung galt, weil die Fabrik Tausende Arbeitsplätze bot und Reichtum versprach, stellte sich schon bald als einer der größten Umweltverschmutzer Italiens heraus. Und nicht nur das – das Stahlwerk entpuppte sich auch als große Gefahr für die Menschen.
Giftige Dioxide wurden freigesetzt, Feinstaub drang in die Wohnungen. Viele Menschen starben (und sterben) in Tarent an Krebs – auch Kinder. Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen nahmen zu. Alles Zufall? Nein. Den Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und dem Stahlwerk belegt eine offizielle Studie. Sie wurde Anfang der 2000er vom italienischen Gesundheitsministerium durchgeführt.
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Zaghafte Versuche zur Wiederbelebung von Tarent
Und heute? Das Werk wechselte mehrmals den Eigentümer. Die Kohle- und Eisenerzhalden wurden vor wenigen Jahren überdacht, damit der giftige Staub nicht mehr in die Wohnungen der Menschen geweht wird. Die gigantischen Hallen sind bis zu 700 Meter lang.
Derzeit steht das Stahlwerk von Tarent unter der Obhut eines staatlichen Kommissars. Wie es gesundheitlich für die Bewohnerinnen und Bewohner von Tarent weitergeht, steht hingegen in den Sternen.
Indes versucht die Regierung, wieder Menschen nach Tarent zu locken. Offenbar bisher wenig erfolgreich, denn bereits seit 2021 werden sogenannte Ein-Euro-Häuser in der Altstadt angeboten. Dass es sich dabei nahezu um eine Geisterstadt handelt, wird dabei nicht erwähnt.
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