Überfüllte Strände, Geschiebe und Gedränge in den Gassen einst idyllischer Altstädte, langes Schlangestehen vor Attraktionen: Von Overtourism sind eigentlich alle genervt – ob Menschen, die in betroffenen Orten leben, oder Reisende. Manche Touristinnen und Touristen suchen deshalb bewusst nach Orten ohne Massentourismus.
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Aber: Nicht für alle Städte ist das so einfach möglich. Wer Venedig sehen will, will nun mal Venedig sehen – und reist meist nicht alternativ nach Hamburg, obwohl die Hansestadt viel mehr Brücken als die italienische Lagunenstadt hat. Das ist einer der Gründe, warum auch viele Städte, Sehenswürdigkeiten oder sogar ganze Reiseziele mittlerweile Maßnahmen gegen den sogenannten Overtourism beschließen. Oftmals, weil auch Einheimische unter dem Besucherandrang leiden und das nicht mehr hinnehmen wollen.
Die Maßnahmen reichen von der Begrenzung der Besucherzahlenb über Verhaltensgebote bis zu Werbemaßnahmen für weniger bekannte Orte. Die wohl beliebteste Maßnahme scheint derzeit jedoch die Eintrittsgebühr zu sein. Von Italien bis Bali, von Japan nach Griechenland: Überall auf der Welt müssen Urlauberinnen und Urlauber für die beliebten Ziele eine Gebühr bezahlen.
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Aber helfen die Eintrittspreise überhaupt gegen Massentourismus? Oder sind sie nur reine Geldmacherei?
Übersicht
- Wo Urlauber mit Eintrittsgebühren rechnen müssen
- Sorgen Eintrittspreise für weniger Massentourismus?
- „Demokratisierung des Reisens“ geht durch hohe Eintrittspreise verloren
- Welche alternativen Maßnahmen gegen Overtourism gibt es?
Wo Urlauber mit Eintrittsgebühren rechnen müssen
Das bekannteste Beispiel, bei dem Eintrittspreise die Touristenströme lenken sollen, dürfte weltweit Venedig sein. Die berühmte Lagunenstadt führte 2024 die Gebühr ein und baut das System seitdem jährlich aus. Auch in Japan muss, wer auf den Fuji wandern will, dafür bezahlen. Die alte Kaiserstadt Kyoto erhöht ab April 2026 die Übernachtungssteuer.
Auf Bali müssen Urlauberinnen und Urlauber schon seit 2024 eine Einreisegebühr bezahlen. Die Urlaubsinsel ist so beliebt, dass sie immer wieder auf der sogenannten No-List landet – einer Liste von Reisezielen, die dringend eine Pause benötigen. In Griechenland müssen Kreuzfahrt-Reisende auf vielen Inseln bereits seit dem Sommer 2025 eine Eintrittsgebühr bezahlen, einige Inseln würden in Zukunft gern von allen Touristinnen und Touristen eine Gebühr kassieren.
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Auch Sehenswürdigkeiten, die früher kostenlos waren, verlangen von Besucherinnen und Besuchern immer häufiger eine Gebühr. So muss, wer den Trevi-Brunnen in Rom sehen will, mittlerweile 2 Euro dafür bezahlen. In Griechenland wurden die Eintrittspreise für einige der beliebten Sehenswürdigkeiten 2025 um 50 Prozent erhöht.
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Fragt man nach den Gründen, kommen immer wieder die gleichen Argumente: Begrenzung von Massentourismus, Lenkung von Touristenströmen und Instandhaltung der Sehenswürdigkeiten. Letzteres ist, bei richtiger Verwendung der Einnahmen, absolut nachvollziehbar. Aber die anderen beiden Argumente scheinen mit Blick auf immer neue Touristenrekorde in den betroffenen Orten sehr fragwürdig zu sein.
„Der Eintrittspreis, der als Instrument zur Lenkung der Touristenströme präsentiert worden ist, hat zu keiner nennenswerten Reduzierung der Besucherzahlen geführt. Im Gegenteil: Die Stadt gibt selbst zu, dass die Besucherzahlen an manchen Tagen sogar gestiegen sind“, kritisierte Monica Sambo, Regionalrätin der Region Venetien, mit Blick auf die Eintrittspreise für Venedig.
Sorgen Eintrittspreise für weniger Massentourismus?
Auch Tourismusexperten sehen das Instrument kritisch: „Über den Eintrittspreis Touristenströme zu lenken, ist, jedenfalls bei den Preisen, die im Moment noch aufgerufen werden, fast sinnlos“, erklärt Jürgen Schmude, Professor für Tourismuswirtschaft und Nachhaltigkeit an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ein positiver Effekt ließe sich damit höchstens bei einzelnen Gebäuden erzielen. „Wenn man den Sonnenuntergang von der Terrasse eines der Hochhäuser am Arabischen Golf filmen will, ist der Eintritt teurer als zur Mittagszeit. Das hat einen gewissen Lenkungsfaktor, aber eben nur für ein Gebäude. Für Venedig oder Dubrovnik funktioniert das nicht.“
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Ähnlich argumentiert auch Laurent de Chorivit, Co-CEO von Evaneos. Der Reiseanbieter hat sich auf nachhaltige Urlaubsangebote spezialisiert und zum Beispiel Mykonos und Santorin aufgrund des dortigen Massentourismus aus seinem Programm gestrichen. Außerdem bietet Evaneos keine Flüge mehr für Reisen unter fünf Tagen an.
„Gerade bei sehr bekannten oder symbolträchtigen Reisezielen schrecken höhere Kosten viele Menschen kaum ab. Stattdessen werden sie häufig als zusätzlicher Preis für ein begehrtes Erlebnis akzeptiert“, erläutert de Chorivit. Zudem betreffen solche Gebühren oft Tagesgästinnen und ‑gäste, während Übernachtungsgästinnen und ‑gäste sowie andere Besuchergruppen weiterhin in großer Zahl vor Ort sind, sodass sich die Gesamtbelastung nur begrenzt verändere.
Trotzdem führen viele beliebte Reiseziele Eintrittspreise ein – warum? „Dass Städte Eintrittspreise verlangen, ist auch ein bisschen Verzweiflung. Als Stadt hat man nicht so viele Hebel – besonders keine, die kurzfristig wirken. Limitierungen der Bettenzahlen wie in Amsterdam oder der Airbnb-Lizenzen wie in Barcelona sind nichts, das von heute auf morgen greift. Und die Tourismuspolitik will meist relativ kurzfristige Erfolge vorzeigen“, erklärt sich Schmude den Trend zum Eintrittspreis.
„Demokratisierung des Reisens“ geht durch hohe Eintrittspreise verloren
Jetzt könnte man natürlich sagen: Wenn die derzeitigen Eintrittspreise kaum dazu führen, die Touristenströme zu lenken, dann müssen die Preise einfach noch deutlich weiter erhöht werden. Ein Trugschluss, laut Laurent de Chorivit: „Preise steuern nicht die tatsächliche Zahl der Personen vor Ort, sondern lediglich, wer sich den Zugang leisten kann. Die Besucherzahlen bleiben also hoch und verschieben sich nur sozial.“
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Sicherlich stellen sich ab bestimmten Schmerzgrenzen Touristinnen und Touristen die Frage, ob sie das noch mitmachen wollen. Das hätte aber „zur Folge, dass wir dann eine soziale Auslese bekommen – und das, was wir als Demokratisierung des Reisens bezeichnen, dabei verloren geht“, warnt Tourismusforscher Schmude.
Beobachten könne man das jetzt schon in anderen Tourismusbereichen – zum Beispiel beim Skifahren. Die hohen Skipasspreise, obwohl gar nicht als lenkendes Element eingesetzt, würden dafür sorgen, dass einige Touristinnen und Touristen „sowohl an der Aufenthaltsdauer als auch an der Qualität“ sparen müssen. Skipasspreise seien aber grundsätzlich nicht gut mit Eintrittspreisen vergleichbar.
Welche alternativen Maßnahmen gegen Overtourism gibt es?
Wenn Eintrittspreise nicht helfen, welche Alternativen haben die Destinationen? „Es gibt bei Overtourism keine Generallösung, die alle anwenden können, weil die Zugänglichkeit bei jeder Destination unterschiedlich ist und auch die Zusammensetzung der Tourismusströme“, sagt Schmude.
Laut dem Reiseanbieter Evaneos sind „tägliche Besucher-Obergrenzen, zeitlich gestaffelte Zugänge, verpflichtende Vorab-Reservierungen oder Einschränkungen für Kreuzfahrtschiffe“ sinnvolle Alternativen zu Eintrittspreisen – da sie den Zugang direkt unabhängig vom Budget begrenzen. Man sei sich jedoch bewusst, dass „solche Maßnahmen allein nur begrenzt wirken“. Damit der Overtourism spürbar reduziert werden könne, sei es entscheidend, dass alle Akteurinnen und Akteure der Tourismusbranche gemeinsam an Hebeln wie Obergrenzen, gezielter Kommunikation und Infrastrukturplanung ziehen, so Co-CEO de Chorivit.
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Zumal sei es wichtig, dass mehr Geld aus dem Tourismus in die lokale Wirtschaft der Destinationen fließe. Nur so könne man positive Effekte des Tourismus nachhaltig mit den Gemeinden verbinden und eine breitere Akzeptanz für Urlauberinnen und Urlauber erreichen. In Zeiten von Massenprotesten gegen Tourismus auf Mallorca, den Kanaren und Co. sicherlich ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Auch Professor Schmude sieht auf lange Sicht keine Alternative zu Obergrenzen: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht ohne restriktive Maßnahmen geht – sprich Limitierung. Aber jede Destination muss sich überlegen, was für sie Sinn ergibt. Nationale Regelungen ergeben da meist keinen Sinn, in Deutschland ist Tourismus zum Beispiel ohnehin Ländersache, es könnte also gar nicht national geregelt werden.“
Im Endeffekt müssen vom Overtourism betroffene Destinationen natürlich selbst entscheiden, welche Maßnahmen sie als sinnvoll betrachten, um gegen Massentourismus und Unzufriedenheit der Einheimischen vorzugehen. Die derzeit beliebten Eintrittspreise sind es nicht, da sind sich die Experten sicher. Und Beispiele wie Venedig und Bali zeigen das auch.
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Reisereporter
Quelle: Quelle
