Die Venezianer sind in der Unterzahl. Im vergangenen Jahr überstieg die Anzahl der Betten für Touristinnen und Touristen in der historischen Altstadt Venedigs erstmals die Anzahl der Einwohnerinnen und Einwohner: 49.639 Betten stehen 48.283 Menschen gegenüber, die im Centro Storico leben. Einer von ihnen ist Tommaso Danesin.
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Im Gespräch mit dem reisereporter berichtet der 25-Jährige, wie der Tourismus seinen Alltag verändert, warum es kaum noch geheime Lokale gibt und warum auch Venezianerinnen und Venezianer im Stau stehen können, obwohl es keine Autos in der Altstadt gibt.
Du bist einer von weniger als 50.000 Menschen, die in der venezianischen Altstadt leben. Siehst du dich selbst als „echten Venezianer“?
Tommaso Danesin: Ja, definitiv. Ich bin direkt in der Lagune geboren, im Krankenhaus hier in der venezianischen Altstadt. Meine gesamte Kindheit und Schulzeit habe ich in Venedig gelebt, nur für mein Studium in Wirtschaftswissenschaften bin ich für drei Jahre nach Mailand gezogen. Seit 2023 lebe ich wieder in Venedig.
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48.283 Venezianer und Venezianerinnen leben im Centro Storico. Einer von ihnen ist Tommaso Danesin.Quelle: privat
Ich habe das große Glück, dass ich hier einen Job als Wirtschaftsprüfer gefunden habe. Denn es ist sehr schwierig, Arbeit außerhalb des Tourismus-Sektors zu finden. Sehr viele meiner Bekannten und Freunde sind deswegen weggezogen. Und auch mein Job ist vom Tourismus abhängig, denn die meisten unserer Klienten sind Restaurants, Bars, Cafés und Hotels.
Hat Venedig deiner Einschätzung nach ein Overtourism-Problem?
Heute gibt es mehr Touristen als während meiner Kindheit, das merke ich schon, ja. Aber Venedig ist ein Freiluftmuseum, das ist eben so. Das Hauptproblem ist nicht der Tourismus an sich, sondern die Auswirkung auf den Wohnungsmarkt.
Venedig: Die wichtigsten Fakten
Viele venezianische Familien sind relativ wohlhabend und haben die Häuser ihrer Großeltern und Eltern geerbt. Es ist viel profitabler, diesen Wohnraum über Airbnb oder Booking zu vermieten, als an Menschen, die langfristig darin leben wollen. Wir sollten den Eigentümern der Häuser aber nicht vorschreiben, was sie damit machen dürfen. Die Idee, neue Gesetze oder Regelungen dafür einzuführen, sehe ich kritisch.
Wir sollten an ihr Gewissen und an ihren Stolz als Venezianer appellieren, dass sie den Erhalt der normalen Wohnungen vor den Profit mit Touristen stellen sollen.
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Wie hat sich das Venedig deiner Kindheit im Vergleich zum Venedig von heute noch verändert?
Die kleinen, familiengeführten Läden sterben nach und nach aus. Natürlich gibt es noch Supermärkte, Bäckereien, Restaurants und Cafés.
Wenn man aber etwas für den Haushalt braucht, eine Tischdecke oder neues Besteck zum Beispiel, muss man es im Internet bestellen und liefern lassen. Die kleinen Läden, mit denen meine Eltern aufgewachsen sind, etwa für Haushaltsartikel oder Kinderkleidung, können da nicht mehr mithalten.
Alles, was in Venedig angeboten wird, muss mit dem Boot angeliefert werden. Dadurch sind alle Artikel automatisch teurer. Die Lieferung bei Amazon ist aber kostenlos, da können die Lädchen einfach nicht mithalten.

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Hintergründe zu Venedig
Apropos Amazon: Gründer Jeff Bezos und Lauren Sánchez haben diesen Juni in Venedig geheiratet. Wie hast du die Stadt während der Hochzeit erlebt?
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Mich persönlich hat die Hochzeit kaum beeinträchtigt, aber einige Straßen waren während des Wochenendes gesperrt. Das ist in Venedig aber nichts Ungewöhnliches, während des Karnevals oder des Filmfestivals gibt es auch Sperrungen. Das sind aber öffentliche Veranstaltungen, dieses Mal war es wegen einiger superreicher Privatpersonen. Das fand ich nicht in Ordnung – und es war wichtig, dass friedlich dagegen protestiert worden ist.
Das Transparent mit der Botschaft „If you can rent Venice for your Wedding, you can pay more tax“, das die Demonstrierenden auf dem Markusplatz platziert haben, fand ich sehr gut. Die Venezianer haben die mediale Aufmerksamkeit genutzt und gezeigt, dass man unsere Stadt nicht ohne Protest mieten kann, egal wie reich man ist.
Wenn du mit deiner Dose Cola aus dem Supermarkt mitten auf der Brücke stehst, über die ich laufen muss, dann störst du mich.
Tommaso Danesin
Seit 2024 müssen Touristen an einigen Tagen in der Hauptsaison Eintritt bezahlen. Was hältst du von dieser Maßnahme?
Den Tagestourismus halte ich für ein echtes Problem. Die Besucher kommen für ein paar Stunden, stehen sich gegenseitig im Weg, essen etwas Fertiges aus dem Supermarkt und setzen sich dafür überall hin, häufig mitten auf die ohnehin verstopften Wege, und lassen manchmal sogar ihren Müll liegen. Wir nennen das mordi e fuggi [wörtliche Übersetzung: Fahrerflucht, Anm. d. Red], also sinngemäß essen, umschauen und abhauen.
Venedig im Detail
Der Eintritt wird außerdem nur an Wochenenden in der Hauptsaison und während Ostern fällig. Wenn es dazu führt, dass eine fünfköpfige Familie an einem Donnerstag statt an einem Sonntag kommt, um so 50 Euro zu sparen, finde ich das natürlich gut. Dadurch ist es an den Tagen, an denen es typischerweise voll wird, vielleicht etwas leerer.
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Aber es ist ein schwieriges Thema. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass wir in Venedig nur reiche Touristen wollen. Es geht nicht darum, wie viel Geld du ausgibst, sondern darum, wie du den Tag verbringst. Aber wenn du mit deiner Dose Cola aus dem Supermarkt mitten auf der Brücke stehst, über die ich laufen muss, dann störst du mich einfach.
Das Problem ist nicht, dass es voll ist, sondern dass man schlicht und einfach nicht mehr laufen kann.
Tommaso Danesin
Kannst du den Touristenmassen während der Hauptsaison entgehen?
Im Sommer oder während des Karnevals gehe ich niemals in die touristischen Ecken, zum Beispiel zur Rialtobrücke oder zum Markusplatz. Aber auch außerhalb dieser Orte kannst du den Touristen nicht entkommen. Alles ist voll, die Restaurants, die Cafés, die Straßen, einfach alles! Es gibt Abkürzungen durch kleine Gassen oder Hinterhöfe, um das Schlimmste zu umgehen, aber es klappt nicht immer.
Dieses Jahr war es während des Karnevals besonders schlimm. Ich wollte aus der Stadt raus und habe mich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Normalerweise brauche ich für diesen Weg etwa 15 Minuten, an diesem Tag brauchte ich mehr als eine Stunde. Das Problem ist nicht, dass es voll ist, sondern dass man schlicht und einfach nicht mehr laufen kann.
Venedig: Zusätzliche Details
Es ist wie bei einem Stau im Auto. Man muss einfach Geduld haben und warten, bis sich der Verkehr aufgelöst hat. Denn es gibt keine Alternative zum Laufen. Der Wasserbus ist auch brechend voll, und Fahrradfahren in der Altstadt ist verboten.
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Gibt es noch geheime Ecken in der Stadt?
Wir wissen schon, wo wir hingehen können, um den meisten Touristen zu entgehen. Es gibt noch ruhige Plätze und weniger bekannte Teile der Stadt. Aber wenn ich mich am Samstagabend mit Freunden treffe, sind auch die Bars, die wir mögen, voll. Nicht nur wegen der Touristen, auch die Studierenden unserer Uni oder andere Anwohner sind am Wochenende unterwegs. Die Stadt ist klein und voller Leben.
Außerdem bleibt ein schönes, verstecktes Lokal nicht lange geheim. Spätestens wenn die ersten Touristen auf Social Media posten, welchen tollen Geheimtipp sie gefunden haben, ist es kurz darauf überlaufen.
Was würdest du Besucherinnen und Besuchern empfehlen, die Venedig erleben wollen?
Kommt nicht im Sommer oder an Karneval! Ich kann den Frühling empfehlen, zum Beispiel die Zeit nach dem Karneval und vor Ostern. Es ist schon relativ warm, aber die Massen sind noch erträglich. Kommt am besten unter der Woche, denn an den Wochenenden ist es wegen der Tagestouristen voll. Zudem lohnt es sich, auch außerhalb des bekannten Zentrums unterwegs zu sein.
Der Park Sant’Elena an der Ostspitze der Stadt zum Beispiel ist nur etwa eine halbe Stunde zu Fuß vom Zentrum entfernt. Dort gehen Venzianer in ihrer Freizeit hin, zum Fußballspielen oder Joggen oder einfach zum Entspannen im Grünen. Wer sich für ein paar Stunden fühlen möchte wie ein Bewohner der Stadt, kann dorthin gehen und nicht das machen, was alle anderen Besucher machen.
Wie geht es weiter mit Venedig?
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Aber trotz der Staus, der überfüllten Lokale und der im Weg stehenden Touristen möchtest du in Venedig bleiben?
Auf jeden Fall! Ich möchte hier mein Leben lang bleiben. Ich liebe meine Stadt, ich liebe das Lebensgefühl hier. Es fühlt sich für mich einfach richtig an, hier zu sein, denn ich bin ein Teil der Stadt und die Stadt ist ein Teil von mir.
Wenn ich nachts unterwegs bin und die Straßen fast für mich alleine habe, kann ich die Umgebung in Ruhe auf mich wirken lassen. Dann merke ich immer wieder, wie wunderschön es hier ist und wie glücklich ich mich schätzen kann, hier zu leben.
Reisereporter
Quelle: Quelle



